Selbstbestimmt entscheiden!

 
Autor: Konstantin Loukas
 
Teilhabeberatung für Menschen mit Behinderung im Rheingau-Taunus-Kreis
 

Mein Kind hat besonderen Unterstützungsbedarf in der Schule, wo wende ich mich hin? Meine Wohnung soll barrierefrei umgestaltet werden, wie mache ich das? Wo beantrage ich einen Schwerbehindertenausweis? Nach einem Unfall sitze ich im Rollstuhl und möchte mich wieder sportlich betätigen, welche Vereine kommen hierfür in Frage? Was ist das persönliche Budget? Kann ich mit meiner Beeinträchtigung auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig werden? Diese und viele weitere Fragen stellen sich Menschen mit Beeinträchtigungen immer wieder, am Ende steht die Frage im Zentrum „Wo finde ich Hilfe? Wer ist zuständig?“

Um dieser Undurchsichtigkeit entgegenzuwirken, hat der Gesetzgeber dafür gesorgt, dass es die „Ergänzende und unabhängige Teilhabeberatung (EUTB)“ gibt. Ergänzend zu den vielfältigen Beratungsangeboten und unabhängig von Dienstleistern und Kostenträgern. Die kostenlose Beratung schließt die Lücke im Beratungsdschungel und vermittelt Ratsuchende an die richtigen Stellen. In Taunusstein – Bleidenstadt nimmt nun die Teilhabeberatung im Rheingau-Taunus-Kreis ihre Arbeit auf, berät und vermittelt Menschen, die von Behinderung betroffen sind. „Behinderung meint hier nicht die physische oder psychische Beeinträchtigung, sondern vielmehr soziale und äußere Bedingungen, die die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft behindern“, hebt Marco Wilhelm, Projektbeauftragter für die EUTB im Rheingau-Taunus-Kreis hervor, „Die Definition von Behinderung muss in diesem Sinne nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) reflektiert und neu gedacht werden. Erst dann sprechen wir von einer gelingenden Inklusion.“

Um die Teilhabeberatung für Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen im ländlichen Raum bekannt zu machen, möchte Herr Wilhelm eng mit den Kommunen und Städten sowie vielen weiteren Partnern zusammenarbeiten. So ist bereits eine Kooperation mit dem Pflegestützpunkt des Rheingau-Taunus-Kreises geplant. Insbesondere wird eine enge Vernetzung mit Selbsthilfegruppen angestrebt, die das Beratungsangebot abrunden sollen. „Denn schließlich kann die gleichberechtigte Beratung viel besser vermittelt werden, wenn jemand mit ähnlichen Erfahrungen am Tisch sitzt.“, erklärt der 38jährige Sozialarbeiter, der bereits ein Netzwerk von „Peer-Berater/innen“ aufgebaut hat. Demnach können zu fast allen Beeinträchtigungsformen und zu sämtlichen Fragestellungen zusätzliche Berater/innen hinzugezogen werden.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat im Rahmen des Bundesteilhabegesetz (BTHG) das Projekt „Ergänzende und unabhängigen Teilhabeberatung“ ausgeschrieben. Der Träger Jugendberatung und Jugendhilfe e.V. (JJ) hat sich beworben und bekam den Auftrag, für den Rheingau-Taunus-Kreis (RTK) ein entsprechendes Beratungsangebot einzurichten. „Wichtig war uns, dass wir eine unterstützte Beratungsmöglichkeit schaffen, die dem Konzept des Peer-Councelings, also die Beratung von Betroffenen für Betroffene, gerecht wird.“ sagt Cetin Upcin, Leiter des Zentrums für Jugendberatung und Suchthilfe für den Rheingau-Taunus-Kreis. Durch das BTHG werden die Rechte von Menschen mit Behinderung gestärkt und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gefördert. Damit spiegelt das Bundesteilhabegesetz weitestgehend den Anforderungen der Inklusion wieder, die durch das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen (UN-BRK) seit 2009 in Deutschland als geltendes Recht verankert ist. „Herr Wilhelm berät im Rahmen des Projektes Menschen mit Behinderungen trägerunabhängig in allen Lebensbereichen. Mit dem Projekt sollen Bürger*innen mit Behinderungen, Angehörigen sowie Dienstleistern im Landkreis ein Beratungsangebot zur Teilhabe und Selbstbestimmung in Anspruch nehmen können“, ergänzt Upcin.

Die Beratungsstelle ist für alle Menschen offen, die Art der Behinderung spielt ebenso wenig eine Rolle, wie das Alter. Das Beratungsangebot ist vielfältig, ob Fragen zu geeignetem Wohnraum, Ausbildungsmöglichkeiten, Inanspruchnahme von Assistenz, Fragen zu Kostenträgern, Mobilität und Hilfe im Alltag. Die barrierefreie Beratungsstelle ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen und bietet genügend Parkplätze. Auch Hausbesuche seien kein Problem. Es kann vorab telefonisch beraten werden.

Marco Wilhelm hat über 20 Jahre berufliche und private Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderungen. Zeltfreizeiten, Unterstützung bei der Suche eines geeigneten Studiums, Begleitung bei Ämtern und Behörden, Psychosoziale Beratung im Alltag und bei gesundheitlichen Fragen, Schaffung von Arbeitsplätzen für komplexe Bedarfe und vieles mehr haben zu seinen bisherigen Herausforderungen gezählt. „Vieles ist möglich, man muss nur am Ball bleiben. Ich freue mich, dass durch die Teilhabeberatung nun eine Anlaufstelle für Alle geschaffen wurde. Wenn jetzt noch behördliche und bürokratische Hürden abgebaut werden, sind wir einer wirklichen Inklusion sehr nah. Selbstbestimmung und Teilhabe werden einen immer höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft bekommen und dafür setze ich mich ein.“

Die Ergänzende und unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) im Rheingau-Taunuskreis ist eine von fast 400 Beratungsstellen in Deutschland. Sie wird zunächst für drei Jahre zu 95% aus Bundesmitteln finanziert und kann anschließend für zwei weitere Jahre verlängert werden.