Clearingphase für Suchttherapie mit justiziellen Auflagen

Autor: Werner Heinz

Seit inzwischen mehr als drei Jahrzehnten wird „Therapie statt Strafe“ bei suchtbedingten BtM-Delikten in staatlich anerkannten stationären Einrichtungen der Suchthilfe praktiziert. Die Regelung des Betäubungsmittelgesetzes, die Strafvollstreckung zugunsten einer Rehabilitationsmaßnahme zurückzustellen, trat 1982 in Kraft. Nach anfänglich sehr kontroverser Bewertung der in §§35ff BtMG geregelten  Suchtrehabilitation mit justiziellen Auflagen wird  diese in der weitaus überwiegenden Zahl der stationären Suchthilfeeinrichtungen durchaus erfolgreich praktiziert. Entgegen der nach wie vor verbreiteten Skepsis, dass eine mit justiziellem Druck initiierte „Zwangstherapie“ erfolglos sein müsse, unterscheiden sich Haltekraft und reguläre Beendigungen dieser Maßnahmen nicht negativ von den „freiwillig“ angetretenen stationären Therapien [1].

Während ein sehr hoher Anteil der Patienten/innen in stationären Einrichtungen die Suchtrehabilitation mit entsprechender Therapieweisung antreten, spielen Therapiemaßnahmen gem. §§35ff BtMG in der ambulanten Suchthilfe bisher nur eine marginale Rolle. Der JJ-Verbund für Ambulante Rehabilitation verfügt für das Suchthilfezentrum Eschenbachstraße und seine dem Verbund angeschlossenen Suchtberatungsstellen in den Landkreisen über die erforderliche staatliche Anerkennung. Die jeweils mit Therapieauflage nach BtMG behandelten Patienten/innen waren in den letzten Jahren jedoch an einer Hand zu zählen.

Andererseits erreichen uns nahezu wöchentlich Anfragen nach „Ambulanter Therapie“ mit richterlicher Auflage: von Abhängigen, die kurz vor einer  BtM-Gerichtsverhandlung noch eine Therapiezusage einholen möchten; von Abhängigen, die nach Abbruch einer stationären Reha die  Umwandlung ihrer Therapieauflage in „Ambulante Therapie“ anstreben. Häufig wird „Ambulante Therapie“  von der Verteidigung im Verlauf einer Gerichtsverhandlung vorgeschlagen oder bei einer Verurteilung als Bewährungsauflage verfügt.  Weitere Anfragen erreichen uns aus Justizvollzugsanstalten mit dem Ziel, eine vorzeitige Haftentlassung nach „Zweidrittelstrafe“ vorzubereiten.

Manche Beratungsstellen weisen derartige Anfragen grundsätzlich ab: weil aus ihrer Sicht  die Haftvermeidung keine hinreichende Eigenmotivation zur Suchtbehandlung darstellt – oder weil der justizielle Druck erfahrungsgemäß eher zum manipulativen  „Verhandeln mit den Behandlern“ führe, statt zur ernsthaften Teilnahme an einer Suchtbehandlung. Des Weiteren wird kritisiert, dass das für einen Therapieprozess unverzichtbare Vertrauensverhältnis zwischen Patient-/in und Therapeut-/in durch Rückmeldeverpflichtungen und ggf. daraus resultierende negative Konsequenzen empfindlich beeinträchtigt werde.

Andere Beratungsstellen bescheinigen unspezifisch alle „Kontakte“ oder „Termine“ und delegieren die Beurteilung, ob diese „Kontakte“ und „Termine“ den justiziellen Auflagen entsprechen, zurück an die für die Überwachung zuständigen Instanzen – Staatsanwaltschaften und Rechtspflege oder Bewährungshilfe.

Beiden Verfahrensweisen ist gemeinsam, dass die justiziellen Auflagen nicht als Chance zur Entwicklung von Behandlungs- und Veränderungsmotivation genutzt werden, sondern als fremdbestimmte Motivatoren abgelehnt und indirekt sabotiert werden.

Das Fachteam des Suchthilfezentrums vertritt hier eine entschieden andere Auffassung. Nach unserer Erfahrung wird die Entscheidung zu einer Suchtbehandlung so gut wie immer durch suchtbezogenen Leidensdruck ausgelöst:  Verschuldung, drohender Verlust des Arbeitsplatzes oder erhebliche Probleme am Arbeitsplatz, Trennung oder drohendes Scheitern einer Ehe oder Partnerschaft, drohender Verlust des Kontaktes zu den eigenen Kindern, soziale Isolation, gesundheitliche Komplikationen etc. Haftvermeidung kann in gleicher Weise wie die psychischen, gesundheitlichen und sozialen Folgen des Suchtverhaltens eine initiale Motivation zur Veränderung darstellen. Die initiale Drucksituation reicht zwar i.d.R. für sich genommen nicht aus für eine nachhaltige Veränderung und Überwindung des Suchtverhaltens – kann aber Ausgangspunkt für eine weiterreichende Entwicklung von Krankheitseinsicht und Veränderungsmotivation sein.

Unverzichtbar für den sinnvollen Umgang mit einer ambulanten Therapieauflage ist dabei  Transparenz bezüglich der Indikationen, Voraussetzungen, Anforderungen, Zielen und Erfolgskriterien für alle Beteiligten: die Drogenberatung, die Klientel und die Justizbehörden. Erstaunlicherweise sind eben diese Grundlagen bei Auflagen für ambulante Suchthilfemaßnahmen völlig ungeklärt. Wenn etwa bayerische oder nordhessische Staatsanwaltschaften wöchentliche Abstinenznachweise und den sofortigen Abbruch einer Maßnahme bei Rückfall erwarten, kann es sein, dass ein Frankfurter Richter akzeptiert, wenn ein Proband einen irgendwie gearteten mehr oder weniger unregelmäßigen Kontakt zu einer Beratungsstelle hält oder ein Bewährungshelfer  die Teilnahme an einer Opiatsubstitution bei fortgesetztem „Bei“-Konsum anderer Suchtmittel als „Ambulante Therapie“ hinnimmt.  Unklar bleibt häufig auch, ob als Ergebnis der Therapieauflage Suchtmittelabstinenz oder Legalbewährung bei Hinnahme von weiterem Suchtmittelkonsum erwartet wird. Eine derart ungeklärte „Auftragslage“ führt bei der Arbeit mit justiziell auffällig gewordenen Drogenabhängigen unweigerlich zu permanentem Verhandeln um Ziele, Kautelen und Regeln,  fördert manipulative Strategien und führt damit mehr oder weniger wahrscheinlich zum Scheitern der Therapieversuche.

Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschieden, ein eigenes fachlich begründetes Konzept für eine Clearingphase und Ambulante Suchttherapie mit justiziellen Auflagen als unser Angebot für Abhängige und Justizbehörden zu entwickeln.

Clearingphase

In einer als motivierende Beratung konzipierten vier- bis achtwöchigen Clearingphase entwickeln wir eine Einschätzung, ob eine ambulante oder stationäre Suchttherapie oder eine psycho-soziale Eingliederungsmaßnahme indiziert ist. Wer dieses Clearing in Anspruch nehmen will, erklärt schriftlich, dass er/sie mit der Mitteilung des Ergebnisses an die aufsichtsführende Justizbehörde einverstanden ist und entbindet das SHZ diesbezüglich von seiner Schweigepflicht. Der Clearingprozess umfasst die verbindliche Teilnahme an wöchentlichen psychoedukativen Gruppen und individuellen Beratungsterminen  sowie den Nachweis der Suchtmittelabstinenz. Als Kriterien für die Indikationsstellung werden die Verbindlichkeit und aktive Mitarbeit in den Beratungs- und Gruppensitzungen im Verlauf der Clearingphase sowie die Herstellung und Aufrechterhaltung von Suchtmittelabstinenz (ggf. mit Unterstützung einer stationären Entgiftung) bzw. Compliance in einer Substitutionstherapie geprüft. Darüber hinaus ermitteln wir, ob die für eine ambulante Suchtbehandlung erforderlichen Umweltfaktoren (suchtmittelfreie Wohnsituation und unterstützendes soziales Umfeld) vorliegen oder hergestellt werden können. Zum Abschluss der Clearingphase kann schließlich ein Kostenantrag für eine ambulante oder stationäre Suchtrehabilitation gestellt werden.

Das so definierte „Clearing-Paket“ wird grundsätzlich allen nach „Ambulanter Therapie“  Nachfragenden angeboten,  den zuständigen Justizbehörden transparent dargestellt und bei Zustimmung mit einer schriftlichen Vereinbarung kontraktiert. Im Einzelfall haben wir auch  zusätzliche Kautelen vereinbart, wenn skeptische Staatsanwälte ihre Zustimmung zu einer ambulanten Maßnahme von besonderen Regelungen abhängig machen.

Nach inzwischen dreijähriger praktischer Umsetzung dieses Modells können wir resümieren, dass bisher keine Justizbehörde eine von uns vorgeschlagene Clearingmaßnahme bzw. eine  daraus resultierende ambulante oder stationäre Therapieempfehlung abgelehnt hat. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben aufgrund des transparenten Clearingkonzeptes  größere Sicherheit und Zufriedenheit bei der Durchführung von Maßnahmen mit justiziellen Auflagen gewonnen. Für die Klientel ist das Konzept transparent und hilfreich als Motivations- und Entscheidungsprozess im Umgang mit ihrer Suchtproblematik.

[1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Drogen_und_Sucht/Berichte/Abschlussbericht/Abschlussbericht_Forschungsstudie____35_BtMG.pdf (siehe S.136)