Gesamttreffen des Betreuten Wohnens von JJ

Am 24.10.2019 fand im Wolfgang-Winckler-Haus das Gesamtreffen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Betreuten Wohnens statt. In diesem Jahr war das Thema: „Was macht das Betreute Wohnen attraktiv?“ Hintergrund für diese Fragestellung sind neue gesetzliche Rahmenbedingungen, die sich durch das Inkrafttreten des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) ergeben. Behinderte Menschen können zukünftig sehr viel mehr selbst bestimmen. Relativ unflexible Angebote von der Stange werden langfristig einfach nicht mehr nachgefragt werden.
Im Zuge der Vorbereitung haben wir deshalb Klientinnen und Klienten befragt, die wir bereits länger betreuen, was für sie Betreutes Wohnen attraktiv macht. Dabei zeigte sich, dass das Spektrum dessen, was von Klientinnen und Klienten gewünscht („Bedürfnisse“) und benötigt wird („Bedarf“), sehr breit gefächert ist. Allerdings wurde in dem Gespräch auch sehr deutlich, dass gerade das verlässliche Beziehungsangebot des Betreuten Wohnens, häufig über Jahre hinweg mit festen Bezugspersonen, die höchste Wertigkeit besitzt. Isolation zu überwinden, bei psychiatrischer Komorbidität oder Suchtverlangen auf Verständnis zu treffen, bei unverständlicher Post vom Amt oder der Justiz Unterstützung zu erhalten, wurde deutlich öfter genannt als zum Beispiel gemeinsam ins Kino gehen.


Ohne Frage haben mehr als 10 Jahre Personenzentrierung in Hessen unsere Arbeit und unser Rollenverständnis deutlich verändert; was ändert sich also eigentlich durch das BTHG?
Was Teilhabe für suchtkranke Menschen bedeutet, wurde in einem einleitenden Impulsreferat an mehreren Beispielen von Stephan Hirsch erläutert. „Es soll nicht mehr über den Menschen mit Behinderungen, sondern mit ihm gemeinsam beraten und gehandelt werden, um seine individuelle Lebensplanung und Selbstbestimmung zu unterstützen“, sagt Konstantin Loukas im zweiten Impulsreferat zu Beginn der Veranstaltung. „Die notwendige Unterstützung wird zukünftig nicht mehr an einer bestimmten Wohnform, sondern ausschließlich am notwendigen individuellen Bedarf ausgerichtet.“ Die Durchsetzung von Rechtsansprüchen meint das Herausklettern des behinderten Menschen aus der gebückten Bittsteller-Haltung hin zu einer selbstbewussten Rolle als Antragsteller von ihm zustehenden Leistungen. Zentral hierfür war die Überführung der Eingliederungshilfe aus dem Fürsorge-Buch SGB XII ins SGB IX, Rehabilitation und Teilhabe.

JJ als Träger von Angeboten für Menschen mit Beeinträchtigungen fühlt sich der Schaffung von Rahmenbedingungen zur Realisierung dieses Anspruchs besonders verpflichtet (vgl. Bericht des Inklusionsbeauftragten 2017). Das trifft nicht zuletzt für die Eingliederungshilfe zu. Gerade im Betreuten Wohnen spielt die Überwindung von Teilhabe-Beeinträchtigungen verschiedenster Art und Ausprägung eine den Betreuungsalltag bestimmende Rolle. Es ist aber auch gerade hier, in den Bereichen Partizipation und Teilhabe sowie in der sozialen Integration, dass sich unsere Klientel nicht selten benachteiligt fühlt.

Nach den zwei Impulsreferaten haben wir im diesjährigen Gesamttreffen folgende Fragestellungen in den Mittelpunkt gestellt: „Was sind attraktive Angebote aus Sicht der von uns betreuten Menschen?“, „Wo ergeben sich gegebenenfalls Unterschiede hinsichtlich unserer fachlichen Einschätzung und den Wünschen der Klientel?“ und „Was ist in diesem Kontext gelungene Partizipation und Teilhabe?“. Die beiden Arbeitsgruppen haben zahlreiche Einzelaspekte zusammengetragen und zum Teil recht kontrovers diskutiert. Grob lassen sie sich in die beiden oben bereits genannten Kategorien einordnen: „Bedürfnisse“ und „Bedarfe“. Während die Bedarfsermittlung professionellen Regeln folgt, zeigte sich, dass die Gruppe der „Bedürfnisse“ der Klientinnen und Klienten der Bereich ist, in dem ein Perspektivenwechsel stattfinden kann und Maßnahmen zur Erhöhung der Attraktivität des Betreuten Wohnens gesucht und umgesetzt werden können.

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