Dialektisch-behaviorale Therapie und Skills-Training in der Beratung und Behandlung von Suchtmittelabhängigen

Autor: Werner Heinz

 Dialektisch-behaviorale Therapie und Skills-Training in der Beratung und Behandlung von Suchtmittelabhängigen

Umsetzung des „Göttinger Modells“ in Einrichtungen des Verbundes JJ

Bereits in mehreren Fachveranstaltungen zu den Themen „Substitution und Rehabilitation“ sowie „Sucht und psychiatrische Komorbidität“, die in den letzten Jahren von JJ oder unse­rem Fachverband Caritas-Suchthilfe ausgerichtet wurden, hatte Dr. Christel Lüdecke, die Chefärztin der Sucht- und Traumastation in der Asklepios Klinik Göttingen, das „Göttinger Modell“ der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) bei der Behandlung Suchtkranker vor­gestellt.

Seit dem Dezember 2016 hat der Suchthilfeverbund JJ nun begonnen, Fachkräfte der Sucht­beratung und Suchttherapie in möglichst allen ambulanten und stationären Suchthilfeeinrich­tungen für die Einführung des „Göttinger Modells“ zu qualifizieren. Mittlerweile haben 55 Fachkräfte der Suchthilfe JJ – Sozialarbeiter*innen und Sozialpädagog*innen, Ärztinnen und Psycholog*innen eine Basisqualifikation zur Durchführung der dialektisch-behavioralen Therapie mit Suchtmittelabhängigen absolviert.

Die von der amerikanischen Psychologin Marsha M. Linehan in den 1980er Jahren ent­wickelte DBT basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie, umfasst aber auch Elemente an­derer Therapierichtungen sowie fernöstliche Meditationstechniken. Sie gehört zu den Stan­dard-Psychotherapieformen im Rahmen der Behandlung der Borderline-Persönlichkeits­störung und Suizidalität wird inzwischen vielfach auch angewendet bei der Behandlung von Trauma-Folgestörungen und Suchterkrankungen.

Das „Göttinger Modell“ begreift die Suchterkrankung als eine bio-psycho-soziale Störung des Stressbewältigungssystems auf Borderline-Niveau. Das Modell identifiziert weitgehende Überschneidungen zwischen Suchterkrankungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung und Posttraumatischen Belastungsstörungen sowohl hinsichtlich der psychophysiologischen und biografischen Verursachungen als auch hinsichtlich der Ausprägungen vergleichbarer Symp­tomatiken.

 


© Dipl. Psych Mandrek-Ewers, Asklepios Klinik Göttingen

 

© Dipl. Psych Mandrek-Ewers, Asklepios Klinik Göttingen

 Das auf dieser Grundlage entwickelte Behandlungsmodell umfasst symptombezogene Krankheits-Information und Aufklärung in aufeinander abgestimmten psychoedukativen Ein­heiten sowie Fertigkeitstrainings zur Entwicklung von Bewältigungsstrategien im Umgang mit den Symptomatiken der Suchterkrankung, Borderline-Persönlichkeitsstörung und Posttrau­matischen Belastungsstörungen.

 

© Dipl. Psych Mandrek-Ewers, Asklepios Klinik Göttingen

Nicht alle in den DBT-Basiskursen vorgestellten Erklärungsmodelle und Interventionen waren gänzlich neu für unsere Fachkräfte: Rückfallprophylaxe und Stressbewältigungs­training gehören seit jeher zu den zentralen Inhalten der Suchtberatung, Suchttherapie und Rehabilitation. Ihre Einbettung in ein abgestimmtes modular aufgebautes Vorgehen, das Psychoedukation und Training miteinander verbindet wird jedoch die Arbeitskonzepte unse­rer ambulanten und stationären Suchthilfeeinrichtungen weiter verbessern.

Entsprechend wurden die Basiskurse durchgängig und von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern als außerordentlich hilfreich für die Praxis vor Ort bewertet. Eine Erhebung im Januar/Februar 2017 ergab, dass die Module und Materialien, die in der Fortbildung vorge­stellt wurden, in vielen Einrichtungen angewendet werden.

Das aus der Zusammenführung des ehemaligen Suchthilfezentrums Bleichstraße und der Jugendberatung und Suchthilfe Sachsenhausen entstandene Haus der Beratung in der Eschenbachstraße Frankfurt hat die Module des Göttinger Modells inzwischen vollständig in sein Beratungs- und Behandlungskonzept überführt. Die bereits bestehende Informations­gruppe für Kokain- und Amphetaminabhängige sowie der Infoabend Cannabis wurden ebenso wie die systematisch angebotenen SKOLL-Gruppen in das Modell integriert. Ein aus Basisgruppe Sucht I und II, Aufmerksamkeitstraining, Stressbewältigungstraining, Konsum­reduktionsgruppe (SKOLL) und Abstinenztraining zusammengesetztes Programm dient der Krankheits- und Gesundheitsinformation, Motivierung und Entscheidungsfindung bis zur Vor­bereitung der ambulanten oder stationären Suchtrehabilitation. Im Verlauf der Ambulanten Rehabilitation werden Übungen und Trainingseinheiten aus den DBT-Modulen in der Grup­pen- und Einzeltherapie wiederholt und als Coping-Strategien gefestigt.

Eine Auswertung der Erfahrungen mit diesem von der DBT inspirierten Beratungs- und Behandlungsmodell ist im November 2017 im Rahmen eines erneut mit den Referentinnen aus Göttingen geplanten Supervisionsseminars zum Göttinger Modell vorgesehen.