Konsumfolgen und Beeinträchtigungen von Cannabis-Intensivkonsumenten/innen

Autor: David Schneider

Einleitung

Mit der im letzten Jahr aufkommenden Diskussion über eine Cannabislegalisierung ist das Thema Cannabiskonsum weit über die Suchthilfe hinaus präsent. Im Vordergrund der medialen Auseinandersetzung zum Für und Wider einer Freigabe der besonders unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen konsumierten Suchtmittels stehen vor allem politische und rechtliche Abwägungen, wohingegen die gesundheitsspezifischen Betrachtungen eine untergeordnete Rolle spielen. Genau damit aber, mit den gesundheitlichen, das heißt den psychischen und physischen Folgen des Konsums, haben die Praktiker der Suchthilfe zu tun.

Cannabis ist nach wie vor das am weitesten verbreitete illegale Suchtmittel. 4.5% der deutschen Erwachsenen haben im letzten Jahr Cannabis konsumiert. Unter 18-20-Jährigen liegt die 12-Monats-Prävalenz bei 16.2% (Hoch et al., 2015). Auch die Daten, die in Frankfurt  in Form des  „Monitoring-Systems Drogentrends“ (MoSyD), jährlich erhoben werden, sind aufschlussreich: Hier liegt die 12-Monats-Pävalenz unter 15- bis 18-Jährigen bei 34%. Die 30-Tage-Prävalenz beträgt 20%. 13% derjenigen, die im letzten Monat Cannabis konsumiert haben, werden als „intensiv Konsumierende mit täglichem Gebrauch“ bezeichnet. (MoSyD Jahresbericht, 2014)

Die Zahl derer, die in Deutschland regelmäßig und riskant Cannabis konsumierten, ist weiterhin konstant hoch. Dabei ist insbesondere der regelmäßige Konsum mit physischen und psychosozialen Gesundheitsrisiken verbunden. Mit dem auffälligen Konsumverhalten steigt auch der Behandlungsbedarf. Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre kommen zu dem Schluss, dass ein beträchtlicher Anteil der regelmäßig Cannabis Konsumierenden mit physischen und psychischen Konsumfolgen konfrontiert wird. „Insbesondere ein biographisch früher, hochdosierter, langjähriger und regelmäßiger Cannabiskonsum erhöht das Risiko für unterschiedliche Störungen der psychischen und körperlichen Gesundheit in der altersgerechten Entwicklung.“ (Weissinger, 2016)

Die epidemiologischen Zahlen korrespondieren mit den Zahlen zur Suchtbehandlung. Die Zahlen decken sich auch mit den Erfahrungen, die wir in der Suchthilfe des Vereins Jugendberatung und Jugendhilfe e.V. (JJ) machen. Cannabisabhängigkeit bzw. riskanter Konsum steht an Platz eins der Diagnosen in den Suchthilfeeinrichtungen.

Um die Konsumfolgen und Nebenwirkungen dieser Klientel aus der Sicht der Suchberatung und Suchbehandlung wird es im Folgenden gehen.

 Methodik

Stichprobe und Einschlusskriterien

Zwischen September 2014 und Januar 2015 wurden in drei Beratungsstellen aus Frankfurt, einer aus Wiesbaden und drei Einrichtungen aus weiteren hessischen Landkreisen insgesamt 198 Klienten/innen befragt. Es wurde versucht, alle Cannabispatienten/innen zu erreichen, die in regelmäßiger Beratung oder Betreuung sind. Es gab keine Ausschlusskriterien.

Im zweiten Teil werden die Mini-ICF-App-basierten Daten von 123 cannabisabhängigen Patienten/innen aus vier stationären  Suchthilfeeinrichtungen JJ (Therapeutische Einrichtung Eppenhain, Therapeutische Einrichtung Auf der Lenzwiese, Therapiedorf Villa Lilly und Wolfgang-Winckler-Haus) ausgewertet, die von Januar bis Juni 2016 erhoben wurden. Es gab ebenfalls keine Ausschlusskriterien.

 Messinstrumente

1.) Um gesicherte Erkenntnisse über soziodemographische Daten, Konsumgewohnheiten und Störungsbilder von Klienten/-innen mit Hauptdiagnose Cannabis zu erhalten, wurde ein Fragebogen entwickelt. Es wurden Informationen aus den folgenden Bereichen gesammelt: Allgemeine soziodemographische Informationen, Wohn- und Erwerbssituation, Finanzielle Situation, Rechtliche Situation, Suchtmittelkonsum Lifetime und aktuell, Cannabiskonsum Lifetime und aktuell, Konsummuster und –Konsumintensität, beabsichtigte Konsumwirkung, Nebenwirkungen des Konsums/Konsumfolgen des Cannabiskonsums, psychosoziale Belastungen, bisherige Beratungs- und/oder Behandlungserfahrung und Behandlungswünsche.

 2.) Mit der ICF liegt ein Klassifikationssystem vor, das genau dies berufsgruppen- und einrichtungsübergreifend leistet. Der Mini-ICF-APP (Linden, Baron, Muschalla, 2009) ist ein Fremdbeurteilungsinstrument mit 13 Items zur Beschreibung und Quantifizierung von Aktivitäts- und Partizipationsstörungen. Er ermöglicht die einfache Erfassung des Hilfebedarfs in wesentlichen Bereichen. So kann mit dem Instrument eingeschätzt werden, in welchem Ausmaß die betreffende Person in ihrer Fähigkeit zur Ausübung lebens- und berufsrelevanter Tätigkeiten beeinträchtigt ist. Zur Skalierung: 0 = keine Beeinträchtigung; 1 = leichte Beeinträchtigung; 2 = mittelgradige Beeinträchtigung; 3 = erhebliche Beeinträchtigung; 4 = vollständige Beeinträchtigung

Ziel der Untersuchung

Mit der Studie möchten wir Hinweise bekommen, welche „typischen“ Konsummuster, Problemlagen und Behandlungsziele bei Cannabiskonsumenten/innen anzutreffend sind, die in unseren Suchthilfeeinrichtungen beraten, betreut und behandelt werden. Mithilfe des Mini-ICF sollen zusätzlich Erkenntnisse über die Fähigkeiten und Fähigkeitsstörungen der Klientel gewonnen werden, die nicht zuletzt bei Ziel der Wiedereingliederung ins Erwerbsleben von Bedeutung sind. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, die Versorgung dieser Klienten/innen-Gruppe zu verbessern.

Ergebnisse Teil 1

Soziodemographische Daten

Die Untersuchungsteilnehmer/innen waren im Durchschnitt 24,56 (SD=8,86) Jahre alt. 72,7% der Klienten waren männlich. Tab. 1 zeigt den prozentualen Anteil der untersuchten Altersgruppen.

Tabelle 1: Altersgruppen

 

n

%

< 18 Jahre

44

23,4

18 - 24 Jahre

74

39,4

25 - 30 Jahre

42

22,3

> 30 Jahre

28

14,9

56,2% der Befragten haben ihren Wohnort in den Landkreisen, 42,6% leben in Frankfurt und 1,2% gaben an, keinen festen Wohnsitz haben. Fast die Hälfte der Befragten lebte noch bei den Eltern. 30,3% gaben an, selbständig in einer eigenen Wohnung zu leben und immerhin 13% lebten in einer Betreuten Wohngemeinschaft, waren zum Zeitpunkt der Befragung in intensiver Betreuung.

Konsummuster

30-Tage-Prävalenz Cannabis: 32.2% (N=177) der Klienten/innen haben während der letzten 30 Tage nicht konsumiert. Die derzeit Abstinenten sind diejenigen, die bereits länger in abstinenzorientierter Beratung oder ambulanter Rehabilitation sind. Über die Hälfte (55.4%) hat an mehr als 5,3 Tagen im letzten Monat konsumiert. Über 30% haben innerhalb der letzten Tage täglich bzw. fast täglich konsumiert.

12-Monats-Prävalenz: 90% der Klienten/innen lebten während der letzten 12 Monate nicht abstinent. Hauptsächlich konsumierte Suchtmittel waren Marihuana (82,3%), Haschisch (53,2%) und Alkohol (67,8%). Es folgen die Substanzen XTC (16,7%), Speed (16,7%) und Kokain/Crack (1,2%). Heroin haben 2,8% regelmäßig konsumiert.

Lifetime: Die Befragten haben im durchschnittlichen Alter von 15,06 (SD=2,39) Jahren erstmals Cannabis konsumiert. Mit Blick auf das Cannabiskonsumverhalten im Lifetime-Konsum wird außerdem angegeben, dass knapp 50% während ihrer Konsumphasen täglich und tagsüber konsumiert haben und auf dieser Grundlage als Intensivkonsumenten/innen bezeichnet werden können.

Diese konsumierten durchschnittlich 2,1 Gramm pro Tag. Die Hauptkonsumform ist das Rauchen eines Joints. Die Hälfte der Cannabiskonsumenten/-innen hat hinsichtlich des Lifetime-Konsums in einer Lebensphase regelmäßig Alkohol (48.4%) konsumiert. Regelmäßig konsumiert wurden auch Kokain/Crack (20.2%), Amphetamine (15.4%), XTC (11.7%) und Heroin (9%).

 Rechtliche Situation

Auffällig sind die Werte im Bereich der rechtlichen Situation: Mehr als die Hälfte der befragten Cannabispatienten/innen wurde strafrechtlich auffällig, nur 49.5% gaben an, noch nie verurteilt worden zu sein. Demgegenüber wurden 16% der Befragten mehrfach verurteilt. Zahlenmäßig folgen die Verurteilung wegen eines BtM-Deliktes (14,4%), das Begehen einer Straftat unter Rauschmitteleinfluss (8,8%), die Einstellung eines Verfahrens mit gerichtlichen Auflagen (7,2%) sowie die Verurteilung wegen sonstiger Delikte (4,1%).

Erlebte Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen

In Tabelle 2 sind aufschlussreiche Daten bezüglich der Folgen des Cannabiskonsums aufgelistet. Nur 5.8% geben an, bisher keine negativen Begleiterscheinungen des Konsums festgestellt zu haben. Am häufigsten werden die Störungen "zunehmende Vergesslichkeit“, „Konzentrationsschwierigkeiten“ und „Vernachlässigung früher Interessen“ genannt. Jeweils deutlich mehr als die Hälfte der Klienten/innen berichten von Konsumfolgen dieser Art. Auch „schwerwiegendere“ Symptome wie „Verfolgungsängste“, „Panik“ oder „optische Halluzinationen“ kommen häufig vor, was auf die suchtspezifischen Komorbiditäten der Klienten/innen verweist, die ambulante Beratungsstellen aufsuchen.

 Tabelle 2: Nebenwirkungen des Konsums

 

n

%

Zunehmende Vergesslichkeit

131

70,0%

Konzentrationsschwierigkeiten

115

61,6%

Vernachlässigung früherer Aktivitäten

106

56,8%

Antriebslosigkeit

75

40,5%

Gefühl von Beobachtung

74

38,9%

Panik/diffuse Ängste

52

27,9%

Verfolgungsängste

44

23,7%

Optische Halluzinationen

33

17,4%

Stimmen hören

17

8,9%

Sonstiges

33

17,6%

Keine

11

5,8%

Anmerkung: Mehrfachantworten waren möglich

Negative Auswirkungen Im Umfeld

19.9% der Befragten gaben an, keine negativen Auswirkungen im sozialen Umfeld festgestellt zu haben. Diejenigen, die negative Auswirkungen registrieren stellten diese am häufigsten im Bereich der Familie fest (52.9%). Gefolgt von negativen Auswirkungen in der Schule, (53,4%), im Freundeskreis (34,6%), im Beruf (33%) und in der Partnerschaft (31,9%). In der Alterdgruppe der unter 18-Jährigen geben knapp 60% der Befragten an, in der Schule konsumbedingte Negativerfahrungen gemacht zu haben.

Ziel der Inanspruchnahme der Beratung/des Info-Gesprächs

Primäres Anliegen ist die „Unterstützung in sozialen und rechtlichen Angelegenheiten“. 65,8% der Befragten (N=127) wünschten sich Unterstützung in diesem Bereich. Darin drückt sich aus, dass sich infolge des Suchtmittelkonsums auch Probleme im sozialen und rechtlichen Bereich häufen. 61% der Befragten wollten Abstinenz erreichen, wohingegen „nur“ 30,2% Hilfe bei der Reduktion ihres Konsums zu wünschen. 46,7% der Befragten (N=122) gaben an, vor der aktuellen Kontaktaufnahme zu einer Suchtberatungsstelle bereits eine suchtspezifische professionelle Behandlung in Anspruch genommen zu haben.

Angestrebte Wirkung des Konsums

Die am häufigsten angestrebte Wirkung war die Sedierung/Entspannung (76,4%). Erstaunlich hoch war das Motiv „Linderung psychischer Beschwerden“ mit 45,3%, das einen Hinweis darauf liefert, dass der Cannabiskonsum in diesen Fällen direkt zur Selbstmedikamentierung eingesetzt wird. 44,7% gaben an, eine „Auflockerung“ erreichen zu wollen. Es folgen die Konsumziele „Geselligkeit“ (30,6%) und „Linderung körperlicher Beschwerden“ (17,4%).

Gering vs. Hochbelastete

Innerhalb der Gesamtstichprobe lässt sich eine Subgruppe herausfiltern, die wir als „Hochbelastete“ bezeichnet haben. Die Teilgruppe der Hochbelasteten wurde dadurch definiert, dass die Befragten in Folge ihres Konsums bereits das Gefühl erlebt haben, „beobachtet zu werden“. Sie zeichnen sich durch eine höhere Anzahl an negativen Konsumfolgen aus. Für diese Klienten/innen trifft nicht zu, dass sie aus primär hedonistischen Motiven konsumieren. Sie sind gekennzeichnet durch intensiveren Konsum und schwerwiegendere, insbesondere angstspezifische Konsumfolgen. Die Gruppe der Hochbelasteten gab an, hinsichtlich des Life-Time-Konsums deutlich intensiver konsumiert zu haben als die Gruppe der Geringbelasteten. Teil ihres Belastungsprofils ist auch ein signifikant höheres Belastungserleben in sozialen Zusammenhängen wie Familie, Partnerschaft und/oder Beruf. Der Hochbelastete konsumiert häufiger zur Linderung psychischer Beschwerden, was angesichts seiner höheren Belastung nachvollziehbar ist, aber auch den funktionalen Konsumcharakter bezeugt. Die höher Belasteten wohnen häufiger selbstständig. Dies ist insofern interessant als dass selbstständiges Wohnen gemeinhin als Beweis größerer Autonomie interpretiert wird. Möglicherweise begünstigt das Alleinwohnen das Vermeiden von Bewältigungsstrategien, die von Bezugspersonen initiiert werden können. Abhilfe könnten möglicherweise Angebote wie Betreutes Wohnen schaffen. Hinsichtlich der Beratungswünsche ist der Wunsch nach Abstinenz in der Gruppe der Hochbelasteten höher als in der Gruppe der Geringbelasteten, was motivationale Anknüpfungspunkte zur Behandlung liefert.

 Tabelle 3: Negative Auswirkungen im sozialen Bereich

 

Hochbelastete (N=75)

Geringbelastete (N=98)

 

 

n

%

n

%

χ²

Familie

56

75,0%

44

40,9%

p < .001

Schule

38

52,0%

36

37,4%

p < .001

Beruf

37

50,0%

22

23,5%

p < .001

Partnerschaft

37

50,0%

20

20,9%

p < .001

Freundeskreis

33

44,4%

27

28,7%

p < .001

Anmerkung: Mehrfachantworten waren möglich

Ergebnisse Teil 2

Seit Anfang 2015 wird in den Suchthilfeeinrichtungen des Vereins Jugendberatung und Jugendhilfe e.V. der Fremdratingbogen Mini-ICF eingesetzt. Damit wird das Ziel verfolgt, spezifische Fähigkeiten und Einschränkungen der Klientel frühzeitig zu erkennen und passgenaue Behandlungsmaßnahmen einzuleiten. Die Diagnose Sucht sagt alleine wenig über die Fähigkeiten und Beeinträchtigungen eines Menschen aus. Selbst beim Vorliegen weiterer Diagnosen bei derselben Person lassen sich nur schwer Aussagen zu den individuellen Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung machen.

Zur Erinnerung: die möglichen Werte liegen zwischen 0 = keine Beeinträchtigung und 4 = vollständige Beeinträchtigung. Es handelt sich um ein Fremdrating-Instrument, die ICF-geschulten Mitarbeiter/innen, meist Bezugstherapeuten/innen, beurteilen die Patienten/innen.

 Beeinträchtigungswerte Mini-ICF-APP

Hauptdiagnose Cannabisabhängigkeit
in den stationären Einrichtungen JJ (N=123)

Mittelwert
(M)

Standardabweichung
(SD)

Anpassung an Regeln und Routinen

1,69

1,05

Planung und Strukturierung von Aufgaben

1,80

0,91

Flexibilität und Umstellungsfähigkeit

1,67

0,96

Anwendung fachlicher Kompetenzen

1,78

0,98

Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit

2,02

0,8

Proaktivität und Spontanaktivitäten

1,59

0,83

Widerstands- und Durchhaltefähigkeit

1,82

0,89

Selbstbehauptungsfähigkeit

1,98

0,97

Konversation und Kontaktfähigkeit zu Dritten

1,54

0,96

Gruppenfähigkeit

1,43

0,89

Fähigkeit zu engen dyadischen Beziehungen

1,79

0,91

Selbstpflege

0,99

0,96

Verkehrsfähigkeit

0,53

0,86

 Die Mittelwerte liegen größtenteils zwischen einer leichten und mittelgradigen Beeinträchtigungen, was impliziert, dass ein beträchtlicher Teil der Patienten/innen Beeinträchtigungen aufweisen, die interventionsbedürftig sind. Dies lässt sich am Beispiel Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit exemplifizieren, in dem besonders hohe Werte vorliegen:

N=123

 

Keine Beeinträchtigung

1,6%

Leichte Beeinträchtigung

23,6%

Mittelgradig Beeinträchtigung

48,0%

Erhebliche Beeinträchtigung

24,4%

Vollständige Beeinträchtigung

2,4%

 Knapp 50% sind in diesem Mini-ICF-Bereich mittelgradig beeinträchtigt, 26,8% sogar schwer bzw. vollständig. Was das heißt, wird deutlich, wenn die Definitionen aus dem Manual der Autoren/innen des Mini-ICF APP herangezogen werden. Eine mittelgradige Beeinträchtigung wird dort wie folgt beschrieben: „Es werden Schlussfolgerungen getroffen und Konsequenzen gezogen, die nicht aus der Sache zu erklären sind, sondern von Augenblickseinfällen oder von sachfremden Eingebungen abhängen oder durch innerpsychische Faktoren bestimmt werden.“ Eine erhebliche Beeinträchtigung bedeutet gar: „Der Proband kommt regelhaft zu falschen Schlussfolgerungen und trifft falsche Entscheidungen“ (Linden et al., 2015) Kurzum: es besteht in vielen Fällen Unterstützungsbedarf, der in der individuellen Hilfeplanung zu berücksichtigen ist.

Vergleicht man die Beeinträchtigungswerte mit den Daten von Patienten psychosomatischer Rehabilitationskliniken (N=213), die in den empirischen Studien zur Entwicklung des Mini-ICF-APP untersucht wurden, so treten die hohen Fähigkeitsbeeinträchtigungen der Cannabisabhängigen noch deutlicher hervor. Während der Globalwert der 13 Items bei 1,58 liegt. Ist er in der Vergleichsgruppe mit 0,84 nur etwa halb so hoch. Auffällig ist außerdem, dass die Beeinträchtigungen der Cannabiskonsumenten/innen im Vergleich mit der Hauptdiagnose Opiatanhängigkeit sogar höher eingeschätzt werden. Überraschend sind die Ergebnisse, weil in der Rede von „harten“ und „weichen“ Drogen die Vorstellung mitschwingt, dass Cannabis auch in den Auswirkungen die zu vernachlässigende Droge sei.

Globalwerte Mini-ICF-APP:

Cannabisabhängigkeit

1,58

Heroinabhängigkeit

1,48

 Bestätigt werden die hohen Beeinträchtigungswerte von der soziodemographischen Ausgangslage der cannabiskonsumierenden Patienten/innengruppe. Die schulische und berufliche Qualifikation ist bei Cannabisabhängigen stark beeinträchtigt. Ebenso ist die Arbeitsmarktsituation prekär, nur 24,1% ist in Arbeit und Lohn, die Mehrheit erhält ALG II und andere Unterstützungsleistungen. Die Belastungsprofile beider Gruppen sind im Vergleich zur Normalbevölkerung ähnlich:

 

Opiatabhängige
(N=302)

Cannabisabhängige
(N=324)

Bevölkerung
(Statistisches Bundesamt)

Lebensunterhalt durch Lohn

15,9%

24,1%

71,5%

keinen Schulabschluss

17,6%

18,2%

3,2%

keine Ausbildung

71,9%

57,6%

15,2%

Schlussfolgerungen für die Praxis

Insgesamt erfordern die in dieser Untersuchung dargelegten psychosozialen Belastungen von Cannabiskonsumenten/innen die Etablierung und systematische Ausgestaltung spezifischer Angebote für Cannabiskonsumenten/innen. Aufgrund des lebensgeschichtlich frühen Beginns, der Intensität des Konsums und der Wirkstärke der konsumierten Mittel bestehen manifeste psychische, physische und soziale Problemlagen, die sich als konkret beschreibbare Fähigkeitsbeeinträchtigen manifestieren.

Es besteht kein Anlass, Cannabiskonsumenten/innen in der Suchthilfe als „harmlose“ Konsumenten/innengruppe zu verniedlichen. Wenig hilfreich ist in umgekehrter Weise Panikmache. Vielmehr gilt es, Beeinträchtigungen zwecks individueller Hilfeplanung genau zu erfassen, wozu ICF-basierte Instrumente von großem Nutzen sind. Insbesondere die unterschiedlichen Konsummuster- und folgen sowie Beratungswünsche zwischen höher und geringer Belasteten sind bei der Bereitstellung der unterschiedlich intensiven und individuell abgestimmten Behandlungsangebote zu berücksichtigen.

Niedrigschwellige Informationsangebote fördern einen einfachen Zugang zum Suchthilfesystem. Gute Erfahrungen werden beispielsweise mit den Informationsabenden Cannabis in der Jugendberatung und Suchthilfe Sachsenhausen (FFM) gemacht. Mit diesem Angebot erreichen wir unterschiedliche Zielgruppen, insbesondere Konsumenten/innen und Angehörige, die Nachfrage ist erfreulich groß. Die Klienten/innen mit Hilfebedarf in ein individuelles passgenaues Angebot zu vermitteln, ist eine entscheidende Aufgabe, welche die Vernetzung von Suchthilfe, Jugendhilfe und Betrieben bzw. Jobcenter erfordert.

 Literatur:

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Mathers, D.C. & Ghodse, A. H. (1992). Cannabis and psychotic illness. The British Journal of Psychiatry, 161, 648 – 653.

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Simon, R., Sonntag, D., Bühringer, G. & Kraus, L. (2004). Cannabisbezogene Störungen: Umfang, Behandlungsbedarf und  Behandlungsangebot in Deutschland. Zugriff am 04.08.2015. Verfügbar unter http://www.bmgs.bund.de/download/broschueren/F318.pdf

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